An einer Baustelle sehe ich in farbenfrohe Saris gekleidete Inderinnen, die, angetrieben von einem Vorarbeiter, auf ihren Köpfen bleischwere Sand- , Speis- und Backsteinberge bis zum nächsten Befehlshaber balancieren. Und schon der nächste Müllberg: In der Hoffnung auf reiche Beute versinkt eine Horde Kühe ihre Nüstern im üblen Morast. Mittendrin wieder ein bunter Sari – diesmal auf der Suche nach irgendetwas. Hier scheinen viele auf der Suche. Und sei es nach gutem Karma. Incredible India. Weiter. Einige Kühe später und um prägnante Wahrnehmungen reicher offenbart sich mir wie aus dem Nichts ein großer weißer Torbogen, ähnlich denen der Maharaja-Paläste aus den Monumental-Schinken „Der Tiger von Eschnapur“ oder „Das indische Grabmal“. Die über dem Palastbogen angebrachte Schrift lässt mich wissen, dass ich angekommen bin: SRM Institute for Science and Technology.
Und: dass Indien alle Gegensätze in sich vereint, dass das Paradies hier direkt neben dem Fegefeuer liegen kann. „Für jede einzelne Erkenntnis, zu der man über dieses riesige und komplizierte Land kommt, kann immer auch das Gegenteil zutreffen“ meinte schon Joan Robinson von der Universität Cambridge zu diesem Phänomen. Incredible India. Hinter dem Torbogen beginnt, was die westliche Welt eigentlich nur unter dem Synonym „Bangalore“ kennt: die Intelligenz Indiens. Enorm motivierte junge Menschen, meistens aus der – immerhin zwischen 200 und 300 Millionen Menschen zählenden – Mittelschicht, lernen an den 162 Universitäten, 32 Universitäts-äquivalenten Einrichtungen und 10 Institutionen von nationaler Bedeutung den indischen Aufschwung mitzugestalten. In dieser Uni zum Beispiel gibt es Fakultäten für alle Formen der Naturwissenschaften, des Ingenieurwesens und der Wirtschaft. Und: der Medizin. Kein Wunder, dass die erste AQUAMAX®-Kläranlage in Indien ausgerechnet hier installiert wurde. Schließlich gehen Bildung und Umweltbewusstsein einher, sagt man. „This is the wrong way“ heißt es, als ich auf dem Campus nachfrage, wo es denn zur Kläranlage geht. In seinem besten Indian English, das aber kaum für meine Ohren gemacht ist, erklärt mir ein älterer Herr umständlich, dass ich außen herumgehen müsse: zurück durch den weißen Torbogen, dann rechts, nächste Straße wieder rechts und dann immer gerade aus. Die Straße entpuppt sich als Sandweg, der Sandweg als Falle: Trete nie in eine indische Pfütze, sie könnte einen Meter tief sein. Und die Hose bis zur Hüfte versaut. Links jetzt wieder eine Baustelle mit sich abrackernden Frauen, rechts wieder Berge von Müll, diesmal mit darin spielenden Kindern. Dahinter eine Siedlung aus einfachen Hütten, zusammengeschustert aus Holzpflöcken und getrockneten Palmenblättern; hier leben die Bauarbeiter mit ihren Familien, wie ich später erfahre. Vor einem vielstöckigen Rohbau am Ende des Sandwegs erkenne ich meine mir panisch zuwinkenden Begleiter. Anscheinend habe ich länger gebraucht, als ich sollte. Mein Wille, Indien auf einen Schlag kennenzulernen, hat die Falten in ihren Gesichtern wohl etwas tiefer getrieben und den Ausdruck in ihren Augen getrübt. Dennoch freundlich: „Do you like India?“. „Yes, I do. It’s incredible!“ Außerhalb der Monsunzeit, also zwischen Januar und September, gerät die Wasserversorgung in dieser Gegend wohl regelmäßig ins Stocken; nur geringe Niederschläge und hohe Temperaturen lassen dabei oftmals nicht nur die Pflanzenwelt zum Erliegen kommen. Die SRM-Universität, ein privates Institut mit – für indische Verhältnisse – nicht geringen Studiengebühren, wollte sich dagegen feien und auch in trockenen Zeiten nicht auf Blütenpracht und saftig-grünen Rasen verzichten. Nur: Praktikable Konzepte dafür sind rar. Weltweit.